Do03.2.2218:30
Vortrag Stream

Ariella Aïsha Azoulay

The Colonial Predicament of Colonized Bodies

Jedes der arabisch aussehenden Mädchen auf einigen Postkarten, die Anfang des 20. Jahrhunderts aus Algerien verschickt wurden, hätte meine Vorfahrin sein können. Im Jahr 1850 berichtete ein britischer Reisender, der eine der Stickereischulen im kolonisierten Algerien besuchte: "Es gab mehrere kleine Jüdinnen, die sehr freundlich unter den Mauresken hockten und nur durch ihr einfacheres Gewand aus farbigem Stoff und eine kegelförmige Kappe aus rotem Samt mit goldener Spitze auffielen." Die Fotos, die ich von meiner Großmutter in Algerien habe und die einige Jahrzehnte später aufgenommen wurden, zeigen sie bereits als französisch aussehende Frau, eine jüdische Araberin, die die Lektion der Frenchness gelernt hat, die diese Schulen vermitteln sollten. Wohin ist meine Ur-Ur-Großmutter verschwunden, die eine gebürtige Algerierin war und eines dieser Mädchen hätte sein können? Diese Lektion der Unmenschlichkeit, der Vereinheitlichung, der Ausrottung hat im Französischen einen Namen: laïcité. Der Begriff "Laizismus" trifft nicht ganz die Entblößung der Weltlichkeit oder des In-der-Welt-Seins einer Person, die laïcité erfordert. Ein Teil der Lösung der "Judenfrage" in Europa erforderte die Umgestaltung der Juden als säkulare Europäer (die zu Hause immer noch "Juden" sein konnten), bevor sie in die Öffentlichkeit gehen konnten. Mit der französischen Eroberung Algeriens wurden die Juden aus den Arabern herausgehoben und zu einem "Problem" gemacht, das sie dazu zwang, das abzulegen, was sie als Einheimische auswies, damit das Kolonialregime sie einige Jahrzehnte später für ihre Bemühungen mit dem Geschenk der französischen Staatsbürgerschaft belohnen konnte. Der Vortrag wird einige Aspekte des kolonialen Dilemmas der Dekolonisierung von Körpern untersuchen.

Die Vorlesung findet online in englischer Sprache statt, über den folgenden Zoom-Link:
https://hfmdk-frankfurt.zoom.us/j/82192661889?pwd=WWhma2s0VXFEOG9iNXgxRU9hTW5lQT09
Meeting-ID: 821 9266 1889
Kenncode: 025612

Die Ringvorlesung (Un)settled. Performance, Schutz und Politiken der Verunsicherung von der HTA (Hessische Theaterakademie) im Wintersemester 2021/22 findet in Kooperation mit dem Institute for Applied Theater Studies, JLU Giessen; dem HZT – Hochschulübergreifendes Zentrum Tanz, Berlin; der Kunstakademie Düsseldorf und dem Künstlerhaus Mousonturm statt.

Ariella Aïsha Azoulay, Professorin für Moderne Kultur und Medien und Vergleichende Literaturwissenschaft, Filmessayistin und Kuratorin für Archive und Ausstellungen. Zu ihren Büchern gehören: Potential History - Unlearning Imperialism (Verso, 2019), Civil Imagination: The Political Ontology of Photography (Verso, 2012), The Civil Contract of Photography (Zone Books, 2008) und From Palestine to Israel: A Photographic Record of Destruction and State Formation, 1947-1950 (Pluto Press 2011). Zu ihren Filmen gehören: Un-documented: Unlearning Imperial Plunder (2019), Civil Alliances, Palestine, 47-48 (2012). Zu ihren Ausstellungen Errata (Tapiès Foundation, 2019, HKW, Berlin, 2020), und Enough! The Natural Violence of New World Order, (F/Stop photography festival, Leipzig, 2016).

Credits:
Diese HTA-Ringvorlesung steht im Zusammenhang mit BODIES, UN-PROTECTED, dem Internationalen Programm zu Körpern, Kunst und Schutz im Künstlerhaus Mousonturm, das von Oktober 2021 bis Juni 2022 läuft.
Organisator:innen: Prof. Dr. Bojana Kunst, Institut für Angewandte Theaterwissenschaft, JLU Gießen; Prof. Dr. Sandra Noeth, HZT, UdK, Berlin; Prof. Dr. Francesca Raimondi, Kunstakademie Düsseldorf; Anna Wagner, Mousonturm, Frankfurt.

Veranstaltungsort: Stream |
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